Buchtip

Jedem, der mehr über Niels Stensen erfahren möchte, sei dieses Buch von Hermann Wieh empfohlen.

Verlag Dom Buchhandlung - ISBN 978-3-9251644-49-1

"Niels Stensen ist für mich ein Mensch, der sein Leben lang auf der Suche war nach dem Anderen und Größeren."

Bischof Franz-Josef Bode, Osnabrück

Niels Stensen - Patron unserer Kirchengemeinde

Niels Stensen wird 1638 in Kopenhagen geboren und lutherisch getauft, geht dort zur Schule und studiert an der Universität Medizin. Es folgen Studien in Amsterdam, Leiden, Paris und Montpellier. Er konvertiert zur Katholischen Kirche, wird Priester und zum Bischof geweiht.

Seine medizinischen Vorlesungen und anatomischen Demonstrationen machen ihn bald in ganz Europa berühmt.

Niels Stensen ist nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Arzt und Theologe. Papst Johannes Paul II. spricht ihn 300 Jahre nach seinem Tod selig.

Im Jahre 2006 wählen wir uns als fusionierte Pfarrei Niels Stensen als Namenspatron und nennen uns fortan "Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen".

                                                                                                                                                                                

Kurzbiographie

  • Niels Stensen wird am 11. Januar 1638 in Kopenhagen geboren und lutherisch getauft, geht dort zur Schule und studiert an der Universität Medizin. Es folgen sechs Jahre Studien in Amsterdam, Leiden, Paris und Montpellier.
  • In Amsterdam entdeckt er 1660 den Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse (Ductus Stenoianus).
  • Sein erster Aufenthalt in Florenz (1666-1668) ist geprägt von anatomischen, paläontologischen und geologischen Studien.
  • Am 2.11.1667 konvertierte er in Florenz zur Katholischen Kirche.
  • Eine große geologische Forschungsreise führte ihn von 1668-1670 durch Südeuropa, bevor er nach Florenz zurückkehrte und erste theologische Schriften verfasste.
  • 1672 zog es ihn nach Kopenhagen zurück. Dort war er bis 1674 königlicher Anatom.
  • Dann reiste er zurück nach Florenz, um bis 1677 die Erziehung des Erbprinzen zu übernehmen. Während dessen wurde er Ostern 1675 zum Priester geweiht und erhielt am 19.9.1677 in Rom die Bischofsweihe.
  • Von 1677-1680 war er Apostolischer Vikar für die Nordischen Missionen mit Sitz in Hannover und wurde im Oktober 1680 zum Weihbischof von Münster ernannt.
  • Von 1683 bis 1686 war er Seelsorger in Hamburg und Schwerin. Dort starb er am 5. Dezember 1686 nach schwerer Krankheit.
  • Am 23. Oktober 1988 erfolgte die Seligsprechung in Rom.
  • Kirchlicher Gedenktag ist jeweils am 25. November jeden Jahres.

Zur Namensfindung unserer Kirchengemeinde

Im Rahmen des Fusionsprozesses der Pfarrgemeinden St. Margareta Lengerich/ St. Hedwig Leeden, Maria Frieden Lienen, St. Michael Tecklenburg und St. Christophorus Ladbergen wurde als möglicher Namenspatron einer neuen Pfarrei bereits 2004 der Namen Niels Stensen ins Spiel gebracht. Besonders herausgestellt wurde dabei Niels Stensen als "vorbildlicher Kirchenmann" mit einem regionalen Bezug auf seine Zeit als Weihbischof in Münster, Niels Stensen als Vertreter der Ökumene und als Theologe, für den Glaube und Naturwissenschaft vereinbar sind.

Nach einem längeren Namensfindungsprozess, in dem die Namen "St. Benedikt“, „Christkönig“, „Edith Stein“, „Emmaus-Gemeinde “, St. Georg“, „Kardinal von Galen“, „Karl Leisner“, „St. Margareta“, „St. Marien“, „Niels Stensen“, „Zu den Schutzengeln“ vorgeschlagen wurden, ergab die endgültige Abstimmung in den verantwortlichen Gremien eine Beschränkung auf vier Namen: „Edith Stein“,  „Emmaus-Gemeinde“ ,  „Kardinal von Galen“ und "Niels Stensen". Während auf die ersten drei Namen jeweils 5 Stimmen entfielen, gab es  7 Stimmen für den Namen Niels Stensen. Dieses Abstimmungsergebnis wurde Bischof Reinhard Lettmann in Münster zur Entscheidung vorgelegt. Er legte für die neue Pfarrei den Namen "Katholische Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen" fest.     

 

Anlässlich eines feierlichen Gottesdienstes zum Fest des Namenspatrons am 25. November 2013 wurde von Vertretern des damaligen Pfarrgemeinderates unter drei inhaltlichen Aspekten eine Annäherung an den Namenspatron Seliger Niels Stensen vorgestellt:

Niels Stensen als vorbildlicher Kirchenmann

Niels Stensen als Naturwissenschaftler und Theologen

Niels Stensen und der ökumenische Auftrag

Niels Stensen als vorbildlicher Kirchenmann

Der Schwerpunkt ist hier auf die Jahre 1680 bis 1686 gelegt, vor allem auf seine Zeit als Weihbischof in Münster.

Stensen wird 1680 vom damaligen Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg aus Münster in sein Amt berufen. Stensen trifft auf ein Bistum, das  der Zeit entsprechend durch den fürstbischöflichen Absolutismus bestimmt ist.  Geld, Gunst und Macht spielen vielfach eine größere Rolle als theologische Qualifikationen.

In Briefen nach Florenz und Rom schreibt Stensen dazu: „Oh, wären doch die kirchlichen Einkünfte ärmer, wie viel mehr Seelen würden gerettet“ und weiter liest man: „Wie wenige gibt es, die sich des Kirchengutes so bedienen, dass sie Gott mit Freude darüber Rechenschaft ablegen könnten.“

Vor dem Hintergrund der heutigen Glaubwürdigkeitskrise in der kath. Kirche, speziell in Deutschland, stimmen diese Worte nachdenklich.

 

Wie geht Niels Stensen als Weihbischof damit um?

 

In Münster prallen zwei Welten aufeinander: Niels Stensen, der durch und durch asketisch lebt, an mehreren Tagen der Woche bewusst fastet und Fleischgerichte heimlich an Arme verteilt. Als er nichts mehr hat, löst er sogar seinen Bischofsring und –stab ein, um den Armen zu helfen.

Bei den vielen Visitationen in den Gemeinden des Bistums räumt er auf und fordert von den Seelsorgern Rechenschaft ihres Handelns. Zur Orientierung verfasst er eine pastorale Handreichung.

Darin heißt es: „Der Seelenhirt muss auf seine Vollkommenheit bedacht sein.“ Das Wort Vollkommenheit lässt sich, auf heute übertragen, mit "Glaubwürdigkeit“ übersetzen.

Sein Anspruch bedeutet, das Evangelium nicht nur predigen, sondern es auch zu leben, oder anders gesagt: „Nicht Wasser predigen und Wein trinken“!

Niels Stensen zeigt Flagge.

Auf das Amt des Dechanten von St. Ludgeri in Münster, das er als Pfründe für seine materielle Absicherung als Weihbischof bei Amtsantritt erhält, verzichtet er bald. Seine Entscheidung begründet er damit, dass er wegen der zeitlichen Belastung den 2000 Gläubigen von St. Ludgeri nicht gerecht werden könne.

Auch hier zeigt er sich wieder als glaubwürdiger Seelsorger.

Für viele ist er zu radikal. So empfinden es oft auch seine engsten Berater.

Im Rahmen einer Einladung bei feinen Leuten darauf angesprochen, ob es zum ewigen Heil notwendig sei, so asketisch und streng zu leben, wie er es tue, dies sei doch bei Hofe gar nicht möglich, gibt er zur Antwort, man möge ihn nicht als Maßstab nehmen.

Entscheidend sei, Gott nicht zu beleidigen, die täglichen Aufgaben sorgfältig zu erledigen und das eigene Leben immer wieder unter dem Gesichtspunkt des Lebens Jesu und dessen Demut zu bedenken.

Er ist also keineswegs der kompromisslose Radikale.

Aber trotz allem eckt er an. Das Domkapitel fühlt sich vor den Kopf gestoßen und versucht seinen Einfluss zu begrenzen. Diese Gelegenheit bietet sich, als der Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg 1683 stirbt. Das Domkapitel beschränkt den Einfluss des Weihbischofs auf die rein pastorale Arbeit.

Intrigen, Geld und Zusagen bestimmen die Wahl des Nachfolgers auf dem bischöflichen Stuhl in Münster. Als Stensen aufgefordert wird, vor der formellen Wahl mit dem Domkapitel eine Messe zum Heiligen Geist zu feiern, lehnt er dies ab. Warum noch zum Hl. Geist beten, wenn doch schon alles entschieden ist, so seine Begründung.

Er verlässt still und heimlich die Stadt in Richtung Hamburg. Als Bischof kann er hier nichts mehr bewirken und ist froh, als ihm eine Pfarrerstelle in Schwerin angeboten wird. Auch hier bleibt er nach außen ohne Erfolg und stirbt 1668.

 

Die Frage, ob er gescheitert ist, stellt sich hier nicht.

Entscheidend ist, was vom Kirchenmann Stensen für uns heute bleibt!

Was bleibt, ist die Glaubwürdigkeit, mit der Stensen in seiner Person Güte und Menschenfreundlichkeit mit Konsequenz und Geradlinigkeit in Einklang bringt. Für ihn bedeutet Christsein Entscheidung und Verzicht und das Vertrauen auf die helfende Liebe Gottes.

Im letzten Satz des Sterbegebets Stensens heißt es: „Jesus sei mir Jesus. Jesus sei mir Erlöser.“

           

In der heutigen Glaubwürdigkeitsdebatte in unserer Kirche und in den Gemeinden, 400 Jahre nach Niels Stensen, kann uns  der Namenspatron unserer Pfarrei in vielen Punkten Vorbild und Wegweiser sein.

Niels Stensen und der ökumenische Auftrag

Niels Stensen war ein Mann mit vielfältigen Neigungen und Begabungen. Seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse waren bahnbrechend und machten ihn in vielen Ländern Europas, zumindest in den wissenschaftlichen Zirkeln der führenden Universitäten, bekannt.

 

Diese Bekanntheit führt zu einer Einladung nach Florenz. Dort kann er ohne wirtschaftliche Not seine Forschungen fortführen. Aber er verbringt seine Zeit nicht nur in den Laboren und Bibliotheken der Universität. Er geht hinaus in die Städte und Dörfer der Toskana und kommt der dortigen Bevölkerung näher. Und deren Lebensart unterschied sich damals vielleicht noch mehr als heute  von den eher kühlen und distanzierten Charaktertypen in Skandinavien, der Heimat Niels Stensens.

 

Besonders fasziniert ihn das lebendige und bunte religiöse Leben der katholischen Bevölkerung in der Toskana. So etwas hat er in den protestantisch geprägten Ländern, die er bisher kennengelernt hatte, noch nicht erlebt. Durch diese Erlebnisse und durch viele Gespräche stellt er an sich selbst immer stärker die Frage nach dem wahren Glauben. Er versuchte jedoch nicht, wie die meisten anderen Naturwissenschaftler seiner Zeit, seine wissenschaftliche Arbeit und seinen Glauben auseinander zu halten, sondern sah in der Schönheit und Komplexität der Schöpfung das Werk Gottes. All diese Eindrücke und Erkenntnisse führten dazu, dass er im Jahre 1667, also im Alter von 29 Jahren, nach Monaten der inneren Auseinandersetzung zum katholischen Glauben konvertierte.

 

Dass er später zum Priester und danach auch noch zum Bischof geweiht wird, zeigt uns, dass er seine neue Konfession überaus ernst genommen hat.

 

Was kann dieser Abschnitt aus dem Leben des Niels Stensen für uns bedeuten, die wir ca. 350 Jahre später unter ganz anderen Umständen leben? 

 

Der Glaube an Gott ist keine Träumerei - er steht nicht im Widerspruch zu unserem realen Leben. Vielmehr hilft uns unser Glaube, vieles im Leben zu verstehen und zu erklären. Diese Brücke hat Niels Stensen errichtet und wir können sie heute noch nutzen. Sein Leben waren die Naturwissenschaften. Sein Glaube half ihm, die sich daraus ergebenden Fragen in ganz neuer Art und Weise zu beantworten und zu verstehen. In unserem Leben ist heute der Beruf oft nur ein Aspekt, der uns stark fordert. Unser Leben heute ist fast immer geprägt von der Herausforderung, vieles unter einen Hut zu bringen, viele Anfechtungen auszuhalten, vielen Versuchungen zu widerstehen, für viele da zu sein. Niels Stensen zeigt uns, wie wir mit unserem Glauben stark werden können für das Leben.      

 

Dass Niels Stensen in bewusster Entscheidung und nach reiflicher Überlegung vom Protestantismus zur katholischen Konfession konvertiert ist, ohne seinen bisherigen Glauben und diejenigen zu verteufeln, die diesem treu geblieben sind, kann für uns heute einen wesentlichen Impuls für den ökumenischen Dialog darstellen. Die Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen wird durch die Kenntnis der gegenseitigen Stärken und Schwächen und durch gegenseitige Achtung erleichtert, ja gefördert. Dieser Aspekt im Leben unseres Pfarrpatrons sollte uns immer wieder an die Bedeutung der ökumenischen Arbeit gerade in der konkreten Situation unserer Ortsgemeinden erinnern. 

Predigt von Bischof Reinhard Lettmann zur Seligsprechung

Aus dem Archiv von kirchensite.de (heuet kirche+leben.de)

 

Am 23. Oktober des zu Ende gehenden Jahres (1988) hat Papst Johannes Paul II. in Rom den dänischen Arzt und Naturwissenschaftler, unseren früheren Weihbischof Niels Stensen, seliggesprochen. Er wurde in Dänemark geboren; in seinen Studienjahren war er in Holland und Frankreich, als Forscher und Priester lebte er in Florenz und tat schließlich bischöflichen Dienst in Deutschland. Niels Stensen war Bürger unserer Stadt und zugleich Bürger Europas.

Im kommenden Jahr werden die Wahlen zum Europa-Parlament sein. Die Staaten Europas treffen Vorbereitungen zur Schaffung des europäischen Binnenmarktes. Was kann uns in dieser Situation die Gestalt Niels Stensen sagen?

1.
Niels Stensen lebte in einem Europa, das schwer unter den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges litt. Viele Städte und weite Landstriche waren verwüstet. Millionen von Menschen hatten durch den Krieg und seine unheilvollen Auswirkungen den Tod gefunden. Im Gefolge des Krieges war es zu einer geistigen und sittlichen Verrohung und Verwilderung gekommen.

Seit der Zeit Niels Stensens haben die Völker Europas immer wieder Kriege gegeneinander geführt. Mit Niels Stensen und noch deutlicher als er erkennen wir: Europa kann nur überleben im Frieden. Die Zukunft Europas liegt nicht im Gegeneinander und Nebeneinander der Völker, sondern in ihrem Miteinander. Niels Stensen hatte viele Bekanntschaften und Freundschaften auf europäischer Ebene. Er kann uns daran erinnern: Das Miteinander der Völker Europas ist nicht allein oder vorwiegend eine Sache von Verträgen, sondern wesentlich eine Sache guter, freundschaftlicher menschlicher Beziehungen.

2.
Niels Stensen lebte in einem durch die Glaubensspaltung religiös zerrissenen und zerstrittenen Europa. Er selbst war gläubiger evangelischer Christ, bevor er in Florenz katholisch wurde. Die Einheit der Christen war ihm ein Herzensanliegen. Er wusste aus eigener Erfahrung, was 300 Jahre später in unseren Tagen das II. Vatikanischen Konzil mit den Worten aussprach: "Eine solche Spaltung widerspricht (aber) ganz offenbar dem Willen Christi. Sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen."

Niels Stensen beschritt den einzig möglichen Weg, der zur Einheit führen kann: den Weg des Gebetes, des Gespräches und des Miteinander im Einsatz für das Evangelium, ein Weg, der auch uns heute aufgegeben ist.

 

3.
Niels Stensen lebte am Beginn der europäischen Neuzeit. Durch seine naturwissenschaftlichen Forschungen hat er den siegreichen Einzug der Wissenschaft und Technik in der europäischen Kultur mit vorbereitet. Unsere europäische Kultur ist heute weithin von der Wissenschaft und Technik geprägt. Hat in einer solchen Kultur der christliche Glaube noch einen Platz? Als Napoleon den französischen Astronomen Laplace fragte, wo denn Gott in seinem System stehe, antwortete dieser: "Ich brauche diese Hypothese nicht." In ähnlicher Weise sagte der englische Biologe Julian Huxley: "Die 'Hypothese Gott' wird zentimeterweise ermordet und stirbt den Tod von tausend Einschränkungen."

Niels Stensen hat in seinen Forschungen erkannt, dass das Herz des Menschen ein Muskel ist. Aber es bleibt das Herz des Menschen mit den Fragen des Menschen. Gerturd von le Fort spricht dies aus mit den Worten: "Wo kam ich her – Wo komm ich hin? Weiß nichts vom Ziel und Anbeginn. Ich treibe hin im Sternenlicht. Wer bin ich, wenn die Zeit zerbricht?" Diese letzten Fragen des Menschen finden eine Antwort im Glauben. Religion und Glauben werden deshalb nicht überflüssig. Das Beispiel Niels Stensen zeigt uns, wie Menschen in einer von Wissenschaft und Technik geprägten Kultur als gläubige Christen leben können.

4.
Niels Stensen war erfüllt von dem Bewusstsein von Würde und Wert des Menschen, jedes einzelnen Menschen.

Die Heilige Schrift berichtet uns schon in ihren ersten Kapiteln vom Turmbau zu Babel. Die Menschen wollen sich einen Namen machen. In eigener Macht und Vollkommenheit bauen sie eine Stadt der Menschen. Gott haben sie dabei aus dem Blick verloren. Ein Kommentar der rabbinischen Überlieferung sagt zu dieser Geschichte: "Wenn bei dem Turmbau ein Mensch herunterfiel und dabei umkam, haben sie nicht auf ihn geachtet. Fiel jedoch ein Ziegelstein herunter, so setzten sie sich nieder und weinten und sagten: Weh uns! Wann wird ein anderer an seiner Stelle hinaufkommen?"

Eine Stadt der Menschen, sofern sie eine Stadt ohne Gott ist, wird allzu leicht aufhören, eine Stadt der Menschlichkeit zu sein. Was wird Europa in Zukunft sein? Wie wird es mit der Achtung und Anerkennung der Würde des Menschen bestellt sein? Wir haben in Europa allen Grund, Gott im Blick zu halten, damit wir Menschen in Menschlichkeit leben können.

5.
Zu den Grundlagen Europas gehört das Christentum. Wird auch das kommende Europa vom christlichen Glauben geprägt sein?

Auf Grund seiner Erfahrung schreibt Niels Stensen: "Der Glaube vergreist sozusagen und nimmt in den einzelnen von Tag zu Tag mehr ab, ja wir können kaum das Erworbene bewahren." Man könnte meinen, dass Niels Stensen damit eine Charakterisierung unserer Zeit gibt. Untersuchungen im westlich geprägten Europa haben ergeben, dass der christliche Glaube dabei ist, unsichtbar und sprachlos zu werden.

Niels Stensen weist hin auf die Zeit der jungen Kirche. Jeder Bekehrte war damals zugleich ein Apostel. Jeder Christ war zugleich ein Zeuge Jesu Christi. Vielleicht sieht er die frühe Kirche ein wenig zu ideal. Dennoch zeigt sein Hinweis in welche Richtung hinein das pastorale Bemühen von Niels Stensen weist. Es liegt an uns Christen, den christlichen Glauben in Europa zur Sprache zu bringen und ihn in einem christlichen Lebensstil sichtbar werden zu lassen.

Niels Stensen, unser neuer Seliger, kann uns auf dem Weg in das neue Jahr und in die Zukunft Europas anregender Begleiter und tatkräftiger Fürsprecher sein.

Quelle: Reinhard Lettmann: Zeugen des
Glaubens in der Kirche von Münster,
Verlag Regensberg, 1991

Würdigung zum Jubiläum 2013

Festmesse am 11. Januar 2013 in St. Ludgeri in Münster

Seliger Niels Stensen wurden vor 375 Jahren, am 11. Januar 1638, geboren

Münster (pbm). Der selige Niels Stensen (1638-1686) zählt zu den Seligen und Heiligen, die ihre geistlichen Spuren in Stadt und Bistum Münster hinterlassen haben und deren Glaubenszeugnis für die Christen ein gewinnendes und zugleich verpflichtendes Vermächtnis darstellt. Am Freitag (11. Januar) sind genau 375 Jahre vergangen, seit der Däne als Sohn eines Goldschmiedes in Kopenhagen geboren wurde. Der sprachbegabte und vor allem naturwissenschaftlich interessierte Niels Stensen wandte sich dem Medizinstudium zu und wurde ein glänzender Anatom, der das Wunderwerk des menschlichen Körpers untersuchte und dabei Entdeckungen machte, die bis heute medizinisches Wissen ausmachen. Er entdeckte den Ohrspeicheldrüsengang und die Drüsensysteme im Halsbereich. Er untersuchte den Herzmuskel; seine wissenschaftlichen Erkenntnisse bestimmten 200 Jahre lang den Stand der Gehirnforschung. Schließlich wurde er zum Begründer der Paläontologie, der Entstehungsgeschichte der Erde. Auf dem Niveau eines Nobelpreisträgers war er in Europa überall ein begehrter Wissenschaftler, dem sich die Türen öffneten und der stets interessierte Gesprächspartner unter den großen Wissenschaftlern seiner Zeit fand.

In Florenz bekam der protestantische Christ, geprägt von christlichen Gottesvorstellungen, Kontakt zu geistig und geistlich geprägten Katholiken, die seine theologischen Forschungen anregten, so dass er schließlich 1667 zum katholischen Glauben konvertierte, mehr noch: Er wurde 1675 zum Priester und 1677 zum Bischof geweiht. In diesem Amt schickte ihn der Papst als Apostolischen Vikar für die Nordische Diaspora nach Norddeutschland. Über Hannover gelangte er schließlich als Vertreter des Bischofs nach Paderborn und als Weihbischof nach Münster, wo ihm zur Sicherung seines Lebensunterhaltes die Stelle eines Stiftsdechanten und Seelsorgers an St. Ludgeri zugewiesen wurde. Wichtige Briefe und Schriften sind aus dieser Zeit, in der er radikal ein Armutsgelübde lebte, überliefert. 1683 verließ er das Bistum Münster und ging nach Hamburg. Am 25. November 1686 starb Niels Stensen in Schwerin, sein Leichnam wurde nach Florenz gebracht und in San Lorenzo beigesetzt. Am 23. Oktober 1988 nahm Papst Johannes Paul II. in Rom die Seligsprechung vor.

In der Ludgerikirche in Münster gibt es nicht nur zwei Bildnisse des Seligen – auf einem Bild wird er „im geistlichen Gespräch“ mit der heiligen Edith Stein dargestellt. Er wird auch verehrt vor allem in der Anrufung seiner Fürsprache. Sein Glaubenszeugnis lässt die Gläubigen erkennen, dass Glaube und naturwissenschaftliches Erkennen eine Einheit bilden, einander nicht widersprechen, sondern wechselseitig aufeinander verweisen. Stensens geistliches Leben aber kann auch als eindringlicher Aufruf gelten, sein Leben am Evangelium auszurichten und dabei auch in ökumenischer Gesinnung die Einheit unter allen Christen zu suchen.