Geistlicher Impuls am Dienstag, 24. März 2020 - Oscar Arnulfo Romero

Die Kirche erinnert heute, am 24. März, an einen Heiligen unserer Tage: Oscar Arnulfo Romero. Erzbischof Oscar Arnulfo Romero von San Salvador ist für viele ein Leuchtzeichen in der Dunkelheit geworden, einer, der Hoffnung macht. An einem bestimmten Punkt in seinem Leben gingen ihm als Seelsorger die Augen auf für die Wirklichkeit in seinem Land, für das himmelschreiende Unrecht der Unterdrückung und der Ausbeutung der Armen. In der Folge hat er selbst vielen in der Kirche und in der Welt die Augen geöffnet. Diesen Einsatz hat er mit dem Leben bezahlt, als er heute vor 40 Jahren, am 24. März 1980, bei der Feier der Hl. Messe erschossen wurde, heute weiß man: im Auftrag des Militärs und der Mächtigen. „Mich könnt ihr töten“, hatte er zuvor gesagt, „aber nicht die Stimme der Gerechtigkeit.“

Oscar Arnulfo Romero wurde am 15. August 1917 geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Im Jahr 1937 nahm er sein Theologiestudium am Priesterseminar in San Salvador auf und beendete es an der Universität Gregoriana in Rom. Er erklomm im Eiltempo die kirchliche Karriereleiter und wurde schließlich Bischof des Bistums Santiago de Maria. Als Bischof ließ er sich zunächst von Militärs beraten. Er galt als Bücherwurm, als bescheiden, fromm - aber realitätsfern. Die Masse der armen Landarbeiter hatte er nicht im Blick. Romero wurde Erzbischof in der Hauptstadt San Salvador. Also solcher war er im Februar 1977 Zeuge, wie die Nationalgarde von El Salvador unter Tausenden von Menschen ein blutiges Massaker anrichtete, als diese demonstrierten gegen den offensichtlichen Betrug bei den Präsidentschaftswahlen. Demonstranten, die aus Angst in die Kathedrale geflohenen waren, wurden mit Gas ausgeräuchert. Drei Missionare wurden schwer gefoltert und dann des Landes verwiesen. In der Pfarrkirche eines ermordeten Pfarrers richtete die Nationalgarde ihr Hauptquartier zur politischen Säuberung unter den Gemeindemitgliedern ein. Der Tabernakel diente als Zielscheibe für die Maschinengewehre, konsekrierte Hostien wurden zertreten. Als der Küster einschritt, stürzten sie ihn vom Kirchturm. Pater Rutilio Grande, Jesuit und Freund von Romero, hatte gegen soziale Ungerechtigkeit gepredigt. Er wurde von Maschinenpistolen der Polizei in seinem Auto durchsiebt. Mit ihm starben im gleichen Wagen der 70-jährige Küster und ein 15-jähriger Messdiener. 

Alle diese Ereignisse öffneten Romero die Augen. Der Erzbischof bezeichnete sie später als seine Bekehrung. Er funktionierte sein Bischofshaus um zur Bischofs-Cafeteria; es wurde zum Treffpunkt für Journalisten und Landarbeiter, Professoren und Arbeitslose, Studenten und Hausfrauen. Notleidende und Verfolgte fanden hier eine offene Tür, ein offenes Ohr und eine offene Hand. „Ein Bischof muss immer viel von seinem Volk lernen“, sagte Romero. Er lebte einige Zeit im Krankenhaus, um dort todgeweihten Krebskranken ganz nahe zu sein.

Oscar Romero wurde in seinen Predigten politisch und prophetisch. Er hatte verstanden, dass mit bloßer Wohltätigkeit die Probleme El Salvadors nicht gelöst werden konnten. „Kommunist“ nannten ihn seine Gegner. Von Bischof Helder Camara aus Brasilien stammt das Wort: „Wenn ich den Armen Brot gebe, nennt man mich einen Heiligen. Aber wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, dann werde ich als Kommunist beschimpft.“

Romero baute eine katholische Radiostation und eine Wochenzeitschrift aus, um über Ausbeutung, Korruption und Verfolgung landesweit zu informieren. Man sprengte kurzerhand seinen Sender in die Luft und erschoss einen Mitarbeiter und vier Jugendliche. Auch die ganze Jesuiten-Universität wurde in die Luft gejagt. Romero griff nicht zur Gegengewalt. Einem Mitbruder, der sich dem bewaffneten Widerstand angeschlossen hatte, sagte er: „…aber Sie sind Priester! Sie glauben an die Macht der Liebe!“

Als die Bevölkerung dutzendweise Verstümmelte und Getötete in die Kathedrale schleppte, forderte Romero die Soldaten der Nationalgarde zur Befehlsverweigerung aus Gewissens-gründen auf. Er sagte: „Kein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu folgen, der gegen das Gesetz Gottes verstößt. Einem unmoralischen Gesetz ist niemand unterworfen. Es ist an der Zeit, dass ihr euer Gewissen wiederentdeckt und es höher haltet als die Befehle der Sünde. Die Kirche, Verteidigerin der göttlichen Rechte und Gottes Gerechtigkeit, der Würde des Menschen und der Person, kann angesichts dieser großen Gräuel nicht schweigen. Wir fordern die Regierung auf, die Nutzlosigkeit von Reformen anzuerkennen, die aus dem Blut des Volkes entstehen. Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen jeden Tag lauter zum Himmel steigen, ersuche ich euch, bitte ich euch, befehle ich euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Unterdrückung!“

Das war für die Machthaber und das Militär zu viel. Man setzte ihn auf die schwarze Liste. Romero wusste davon, ließ sich aber in seinem Tun nicht beirren. Seine Ansprachen und Predigten wurden mittlerweile in vielen Ländern Lateinamerikas im Rundfunk übertragen. 

Am Nachmittag des 24. März 1980 feierte er in einem Krankenhaus in San Salvador eine Totenmesse. Sie sollte sein eigenes Requiem werden. Bei der Predigt wurde er vor dem Altar erschossen. Romero hatte sich eindeutig auf die Seite der Armen und Unterdrückten geschlagen. In ihnen erkannte und diente er Christus. Er war überzeugt, dass Gott in den Armen und Kleinen, in den Wehrlosen und Schwachen gesucht und geliebt werden will und dass nur Gerechtigkeit Frieden schaffen kann, so wie es Papst Johannes Paul II. gesagt hat: „Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Versöhnung.“ Bei aller Klarheit und Schärfe seiner Worte war Romeros Botschaft eine Botschaft der Versöhnung. Immer wieder hat er um Versöhnung geworben und Versöhnung angeboten. Damit hat er die tödliche Logik von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen. Sein Leben folgte einer anderen Gesetzmäßigkeit: der des Reiches Gottes. Dieses Reich Gottes kann nur „er-scheitert“ werden. Oscar Romero hat mit seinem Leben bezeugt: Die Liebe besiegt alles, im Letzten auch den Tod. Gott ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Für viele Menschen gilt Romero als Märtyrer, einer, der sein Leben verloren und doch gewonnen hat, einer, der Mut macht, das Leben zu leben und friedlich für eine bessere Welt zu kämpfen. Jesus spricht vom Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss, damit es reiche Frucht bringt. - Was jemand im Leben aus Liebe getan hat, das geht im Tod nicht verloren.

„Man hat mir vielfach mit dem Tode gedroht“, hat Romero einmal gesagt, „Als Christ muss ich Ihnen sagen, dass ich an einen Tod ohne Auferstehung nicht glaube. Wenn man mich tötet, werde ich im Volk von El Salvador wieder auferstehen. Das sage ich ohne die geringste Wichtigtuerei, sondern mit der größten Demut. Als Hirt bin ich durch ein göttliches Gebot verpflichtet, mein Leben für die zu geben, die ich liebe, und das sind alle Einwohner von El Salvador. Auch für die, die mich möglicherweise töten werden. ... Wenn Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann soll mein Blut Samenkorn der Freiheit und Zeichen dafür sein, dass die Hoffnung bald Wirklichkeit wird. ... Wenn man mich umbringt, verzeihe ich denen, die das tun, und segne sie. Aber sie sollten wissen, dass sie ihre Zeit vertun: Ein Bischof, ja, der mag sterben. Aber die Kirche Gottes, die das Volk ist, die wird nie untergehen.“

Pfr. Peter Kossen

 

Beten wir für alle Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind,
für alle, die Angst haben vor einer Infektion,
für alle, die sich nicht frei bewegen können,
für die Ärztinnen und Pfleger, die sich um die Kranken kümmern,
für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmitteln suchen,
dass Gott unserer Welt in dieser Krise seinen Segen erhalte.

Allmächtiger Gott, du bist uns Zuflucht und Stärke,
viele Generationen vor uns haben dich als mächtig erfahren,
als Helfer in allen Nöten.
Steh allen bei, die von dieser Krise betroffen sind, 
und stärke in uns den Glauben, dass du dich um jede und jeden von uns sorgst.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. 

© Martin Conrad, Liturgisches Institut Schweiz